„Hübsche Wäsche haben Sie da.“ - „So, schau dir doch meinen Bauch an, du Schlampe. Kriegt man das von der frischen Luft?“ - „Das ist ein Saustall.“ - Lieblingszitate von Darstellenden und Mitwirkenden aus der   „Dreigroschenoper“,  die am hochsommerheißen Wochenende zweimal in der Aula des Marien-Gymasiums aufgeführt wurde – in einem mitreißenden, fulminanten Zusammenspiel des Literaturkurses und des Schulorchesters.

Denn Hauptmerkmal einer Oper, na klar, ist Musik, ist das Singen. So starteten die jungen Darstellerinnen und Darsteller standesgemäß mit einem inbrünstig vorgetragenen Opener, dem berühmten Moritat von Mackie Messer: „Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht, und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht....“

Auftritt Mackie Messer folgte auf dem Fuße, und Maurice Tillmann spielte mit dieser durchtriebenen, skrupellosen und mit allen Wassern gewaschenen Hauptfigur quasi sich selbst: „Mal abgesehen davon, dass ich für diese Rolle nicht nur geboren, sonder gleichermaßen prädestiniert bin....“, ließ sich der hochgewachsene Oberstufenschüler mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein im Programmheft  zitieren, und mal abgesehen davon, dass er damit zweifellos Recht hatte: Es gab schlicht keinen anderen, der unbedingt in die Haut des Macheath hätte schlüpfen wollen.  (Den Einfluss des Hurenhauses auf seine Enscheidung, ergänzte Maurice augenzwinkernd, ließe er mal lieber unerwähnt... )

Seit September vorigen Jahres hatten Literaturkurs und Orchester für die anspruchsvolle, aufwändige Inszenierung geprobt, organisiert und angeleitet von der erfahrenen Annette Küper. Die erklärte Literaturliebhaberin freute sich darüber, mit ihrer jungen Kollegin Anna Banaschak als Kurs-Hospitantin diesmal eine engagierte, enorm begeisterungsfähige Unterstützerin zur Seite bekommen zu haben.

Matthias Sakowski übte mit seinem Kurs die zum Stück gehörigen Musikstücke ein. Kurt Weills Musik klingt für junge Ohren erst einmal, nun ja: ungewohnt, seltsam schräg und disharmonisch. Entsprechend fielen die ersten Reaktionen der Schülerinnen und Schüler aus: niederschmetternd. „Hätten wir nicht was Cooles spielen können?“ Da war also noch ein wenig Überzeugungsarbeit angesagt.

Doch in Windeseile entflammte die Schülerinnen und Schüler für ihre anspruchsvolle Aufgabe, tauchten ein in die1920er Jahre und das verruchte Mackie Messer-Milieu mit Huren, Bettlern, Dekadenz.... Während Sakowski als Musiklehrer die Begeisterung für die Dreigroschenoper schon seit seinem Musikstudium in sich trägt, liebt Annette Küper das Werk besonders wegen der scharfen Brecht´schen Sozialkritik, der vielen „literaterisch genialen Textpassagen“, natürlich aber auch wegen ihrer wunderbaren Musik und ihres „frechen, derben und zugleich zarten Charakters“.

Die 1928 uraufgeführte Oper erzählt in drei Akten die Geschichte des Bandenführers MacHeath (Mackie Messer), der dem Galgen nur haarscharf wegen seiner Beziehungen zum Polizeichef entwischt. Schauplatz ist der berüchtigte  Londoner Stadtteil Soho im 18. Jahrhundert. Der finstere Bandenführer ehelicht die Tochter des Bettlerkönigs Peachum, der das Geschäft mit dem Mitleid kontrolliert – als er von der Hochzeit erfährt, sieht er Rot und beschließt, den Ganoven an die Polizei auszuliefern. Mackie flieht in ein Bordell (hier sieht man seriöse Mariengymnasiastinnen in verruchtem spärlichen Strapsen-Outfit vollendet  „hurengemäß“), eine Exgeliebte verrät ihn, die Tochter des Polizeichefs verhilft ihm zur Flucht – doch er wird erneut verraten, wieder von einer Geliebten. Aber erneut springt Mackie Messer in letzter Sekunde vom Galgen...

Trotz der anstrengenden Wärme bei den Aufführungen und vor allem auch bei den finalen Proben in der Superhitzewoche Ende Juni war die Begeisterung der mehr als drei Dutzend Darstellerinnen und Darsteller schier mitreißend und mit jeder Minute fühlbar. Im abgerissenen Bettlergewand,  strenger Uniform oder zartem schneeweißen Brautkleid  schien mancher Schüler und manche Schülerin gänzlich zu vergessen, dass sie am folgenden  Montagmorgen wieder als völlig normale Jugendliche in Jeans und T-Shirt im Klassenzimmer sitzen würden...

Sie hoffe inständig, hatte Anna Banaschak vor dem Wochenende ihre Erwartungen formuliert, „dass der Witz und Charme dieses Stücks gut rübergebracht werden und einfach alle einen tollen Abend verbringen.“ Das ist bravourös gelungen. Mit einer kleinen Verbesserung: Es waren zwei tolle Abende.

Silvia Rinke

 

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