Für die Schüler war er „Kalti“, der einfach zum MG gehört. Seinen Platz im Lehrerzimmer erkannte man auch dann, wer nicht nicht da war, sofort an der großformatigen FAZ, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag. 36 Jahre unterrichtete er an Werls größter Schule Französisch, Deutsch und Russisch. So mancher und manche in seinem Kollegium hat längst noch nicht so viele Geburtstage gefeiert wie Dr. Jörg Kaltwassser am MG tätig war. Und nun ist er weg. Einer der prägnantesten und markantesten Köpfe des MG-Kollegiums verabschiedete sich „nur mit leisem Anflug von Bedauern“, lächelnd in den Ruhestand, seinem Fächerdreiklang angemessen mit „Auf Wiedersehen„
 
 

36 Dienstjahre in eine viertelstündige Rede zu packen ist auch für einen so wortgewandten und redeerfahrenen Schulleiter wie Michael Prünte eine Herausforderung, entsprechend ging er an diese Aufgabe „mit einer gewissen Scheu“ heran. Als „eher zurückhaltenden Kollegen“ beschrieb er Dr. Jörg Kaltwasser, „der morgens seinen gewohnten Platz im Lehrerzimmer einnnimmt und nur gelegentlich sein Wort erhebt, dann aber umso wirkmächtiger, sei es in Lehrerkonferenzen oder in Leserbriefen.“ In diesen meldete sich Kaltwasser, „Philologe im besten Sinne des Wortes“ (Michael Prünte), regelmäßig zu brennenden gesellschaftlichen Fragen zu Wort, häufig zur Asyl- und Migrationspolitik, immer mit geschliffener Diktion und ohne Scheu vor zürnendem Widerspruch, der dann auch prompt kam.
 
Kaltwassers Passion zur Sprache fasste Michael Prünte in zwei Aspekten zusammen: „Sprache macht für Sie die Identität unseres Nation aus. So verstehe ich vornehmlich viele gesellschaftskritische Anfragen, die ihrerseits Anlass zu kritischer Rückfrage gaben.“ Und der andere Aspekt: „Besserer Stil bedeutet für Sie besseres Denken, getreu einem Diktum Nietzsches: „Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern und nichts weiter.“
 
Der Staat, merkte Prünte kritisch an, hat Jörg Kaltwasser nicht gut mitgespielt. Jahrelang musste er um ein entfristetes Arbeitsverhältnis kämpfen, eine Übernahme ins Beamtenverhältnis blieb ihm Zeit seines Lehrerlebens versagt. „Ihrem Engagement hat die Zurückweisung des Staats in all den Jahren nicht den geringsten Abbruch getan“, betonte Prünte deshalb ganz besonders. „Seit 1991 sitzen Sie im Redaktionsteam des „Forums“, der Jahresschrift der Schola Mariana, seit 1992 als hauptamtlicher Redakteur, Engagement als Ausbildungsbeauftragter, Motor der deutsch-russischen Beziehungen im Austauschprogramm mit Luga, am Anfang auch im Schüleraustausch mit dem türkischen Giresun. Ihr Herz hing aber vor allem am Austausch mit Russland.“ An dieser Stelle hob der MG-Leiter noch einmal Kaltwassers Courage zum offenen Wort hervor: „Die politischen Verhältnisse und die Machenschaften des Präsidenten brandmarkten Sie mit aller Schärfe und in aller Öffentlichkeit. .Humanitärer Korridor´ bedeutet Kapitulation, eine ,friedliche Lösung ist in Wirklichkeit die Annexion.“
Dr. Kaltwasser selbst erinnerte mit Blick auf die vielen Jüngeren im Kollegium an „Schule von einst“. In der Sexta saß er mit 43 Mitschülern, nur Jungs natürlich, die Lehrer traumatisierte Kriegsheimkehrer, die nur mit den Schülern zurecht kamen, indem sie ohrfeigten und zusätzlich verbal um sich schlugen - zum Beispiel so: „Kaltwasser (Vorname fiel generell weg), du müde Klosettfliege, quäl dich aus dem Holze!“
 
Seine letzte „Maulschelle“ fing er sich als Unterprimaner ein, wegen einer als herablassend empfundenen Äußerung gegenüber seinem Biologielehrer. Welcher kurz darauf zum Schulleiter avancierte und dem der Abiturient Kaltwasser bei der Zeugnisentgegennahme (langhaarig in Schmuddeljeans) den Handschlag verweigerte. Sein Abi mit Durchschnitt 3,0 war hervorragend damals, das zweitbeste der Klasse, der Jahrgangsbeste schloss mit 2,9 ab. Und trotzdem, „die meisten aus meiner Klasse sind etwas geworden: Bergdirektor, Chefarzt, Oberlandesgerichtspräsident... und auch die ,Abgehängten´, sie begannen eine Lehre als Klempner, Schlosser, Dachdecker, Bäcker...“
 
Als einer von bundesweit 15 Stipendiaten weilte Kaltwasser nach dem 1. Staatsexamen 1980/81 für ein Jahr in Moskau, trieb dort seine Dissertation, vor allem aber landeskundliche „Studien“ voran. Diese Zeit beschreibt er als eine „unglaublich gewinnbringende Episode“. 1982 ging es dann ins Referendariat, und er wurde ein engagierter Lehrer – obwohl ihm der Staat so wie beschrieben mitspielte.
 
Seine schönsten Zeiten waren jene, in denen er den Schülern ohne strikt vorgegebene Reglementierung seine Lieblingsautoren näherbringen konnte: Schiller, Brecht, Puschkin, Dostevskij,Tolstoj, Platonov... vom Wintersemester 1994/95 bis 2004 wirkte er als Lehrbeauftragter an der Uni Münster für Fachdidaktik Russisch, ebenfalls eine äußerst erfüllende Tätigkeit, wie er dankbar zurückblickte. Als sehr negativ empfand er hingegen vieles, was danach kam. So die „Zerschlagung eines absolut funktionierenden Schulsystems (Grundschule, Sonderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium) zugunsten von Inklusion und Einheitsschulen. „Warum? Damit möglichst alle einen höheren Schulabschluß erreichen, der logischerweise an Aussagekraft dramatisch einbüßt.“ Gruppenarbeit fand in seinem Unterricht selten statt zugunsten des klassischen fragend-entwickelnden Unterrichtsgesprächs. Denn: „Schüler wollen im Grunde einen Lehrkörper, der sich nicht versteckt, sondern die Richtung konsequent vorgibt.“ Mittlerweile verdinge sich Schule zunehmend als gesellschaftliche Reparaturanstalt: „Hier soll alles, was bei der Sozialisation und Integration von Kindern und Jugendlichen schiefläuft, kompensiert werden, ohne daß die Politik, die es verbockt hat, dafür genügend qualifiziertes Personal zur Verfügung stellt.“
 
Von daher und alles zusammengenommen... „mit nur leichtem Anflug von Bedauern bin ich weg.“ „Auf Wiedersehen“

Zusätzliche Informationen

  • 15.11.2018 18:30 (U20)

    Elternabend: Durchstarten am MG

  • 15.11 & 19.11.2018

    Elternsprechtag

  • 19.11.2018 19:00 (Aula)

    Infoabend: Auslandsaufenthalt (9.Kl)

  • 21.11.2018 19:30 (Aula)

    Vortrag: Gelassen durch die Pubertät

  • 8.12.2018 10:00-13:00

    Tag der offenen Tür

  • 13.12.2018 18:00

    Lateinischer Theaterabend (Aula)

  • 17.01.2019 19:00

    Elterninfoabend über Profilklassen

  • 23.01 & 25.01.2019 19:00

    Schulkonzert (Aula)